Sankt Peter Säure
trifft Dr. Raffzahn

Dr. Raffzahn — lange Zeit war er verschollen in den Weiten der Antarktis und anderen salzähnlichen Wüsten unserer postapokalyptischen Zivilisation. Vor einem Monat ist er aus seinem Delirium zurückgekehrt und berichtet Sankt Peter Säure über Stierkämpfe, den Mount Everest und fremde Sternenkolonien.

Säure: Sie waren ja lange Zeit fort, und unterwegs sind Sie auf ein Paradoxon gestoßen, wovon Sie auch in Ihrem Buch berichten. Wenn Sie mal erzählen würden, worum es da ging?

Raffzahn: Ich durchkreuzte also eine karge Steppe Mesopotamiens, und wenn man da nachts in den Himmel schaut, dann wird einem auf einen Schlag klar, dass man dort überhaupt nichts sieht.

Säure: Die Parallaxenverschiebung!

Raffzahn: Exakt. Die Parallaxe verhindert, dass man Sterne sieht.

Säure: Wie Einstein es vorausberechnet hat! Schwere Massen, ja, krümmen den Raum, und das Licht passt sich dieser Krümmung an.

Raffzahn: So ist es. Es kam ein Einheimischer zu mir, und er fragte mich: „Du schaust so erstaunt, sieht es bei dir denn anders aus?“, und ich überlegte kurz und verneinte dann.

Säure: Warum diese offensichtliche Lüge?

Raffzahn: Kulturimperialismus —

Säure: Der Eindringling gibt sich als Heimischer aus, ja? Verschmelzt sozusagen die klassischen Rollen des Mephisto und der Antigone. Und wenn er enttarnt wird, ist das gleichzusetzen mit der höchsten aller Sünden, ja, wie die Hohepriester ihre Gefangenen vor den Karren spannen ließen, um das Rindvieh zu entlasten.

Raffzahn: Im Grunde schon, ja.

Säure: Und dann geschah etwas, was Sie nicht erwartet hätten —

Raffzahn: Ja, ich hatte zwar schon darüber gehört und gelesen, aber dann war ich einigermaßen erstaunt, als ich zum ersten Mal ein Nordlicht am Himmel aufglühen sah.

Säure: Ein Nordlicht als göttlicher Wegweiser —

Raffzahn: Nein, wissenschaftlich gesehen sind das Teer-Atome, die aus der Sonne mit nahezu Lichtgeschwindigkeit auf unsere Atmosphäre prallen und sie durch Reibung so stark erhitzen, dass das Magnetfeld, weil die Erde ja innen flüssig ist, eine Verwirbelung erfährt, und was wir dann sehen, ist dieses wundervolle grünlich-blaue Leuchten.

Säure: Oder wie Günther Ferthau einst schrieb: „Das Elektron als Zeitmaschine, durchquert ganze Galaxien, ohne merklich zu altern, ach ich wünscht’, ich wär’ ein Elektron!“, ja?

Raffzahn: Das sind alles Gedanken, die einem da in den Kopf steigen. Aber die Luft dort oben ist ja so dünn, dass man ohnehin nur eingeschränkt denken kann.

Säure: Nun sind Sie aber dann weitergezogen und schließlich in Patagonien angelangt, der Heimat großer Dichter und Schauspieler. Klaus Kaske zum Beispiel, oder Tristan Etzenhammer.

Raffzahn: Ja, dort gibt es die eine oder andere Anekdote zu erzählen. Sie kennen das: Der König kommt von seinem Ausflug nach Hause, und dann überrascht er die Königin, wie sie mit einem seiner Untergebenen zugange ist, und dann fragt er: „Warum nur, warum? Habe ich dir nicht alles Gold der Welt gegeben?“, und sie antwortet nicht, sondern tötet den Liebhaber eiskalt und lässt dem König den Kopf auf einem Tablett servieren.

Säure: Wie die Iphigenie den König Thoas hintergeht, ja, sozusagen auf die Moderne übertragen wären das beispielsweise das Internet und der pyromanische Killer, ja?

Raffzahn: Richtig, das ist das, was wir meinen, wenn wir vom „humaneren Marxismus“ sprechen.

Gekocht am 18. Oktober 2008.
Zuletzt aufgebraten am 16. Mai 2014.
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